Eine Besinnungsreise auf den Spuren Edith Steins
Bereits zum fünften Mal begaben sich in der Osterwoche 2026 Menschen von Bamberg aus auf eine Reise auf den Spuren Edith Steins nach Breslau, Auschwitz und Krakau. Die Organisation der Reise lag erneut in den bewährten Händen des Reisebüros Spörlein. Inhaltlich war es eine Veranstaltung der KEB – Katholische Erwachsenenbildung im Erzbistum Bamberg, der KEG – Katholische Erziehergemeinschaft, Bezirksverband Oberfranken, und der Edith-Stein-Gesellschaft Deutschland. Pater Severin Tyburski O. Carm und Dr. Cordula Haderlein begleiteten die Gruppe als Reiseleitung. Eingestimmt mit einem Reise-Segen verließen wir Bamberg in den Morgenstunden. Ein Vortrag während der Fahrt stellte das Leben Edith Steins in den Mittelpunkt, so dass die Gruppe bestens vorbereitet die erste Station erreichte: Das Edith-Stein-Haus in Breslau.
Im Edith-Stein-Haus in Breslau wurden wir von Renata Bradzik-Milosz empfangen. Lebhaft schilderte Frau Bradzik-Milosz die Herausforderungen und Schwierigkeiten der Gründung der Edith-Stein-Gesellschaft in Polen. Die Edith-Stein-Gesellschaft ist eine der ältesten Nichtregierungsorganisationen, die in Polen nach dem Umsturz von 1989 entstanden sind. Sie wurde auf Initiative einer Gruppe von Menschen gegründet, die sich für das Leben und philosophische Denken Edith Steins begeisterten. Schließlich gelang es 1995 das letzte Wohnhaus der Familie Stein in Breslau zu erwerben. Dieses Haus war in den Jahren 1910 bis 1938 der Mittelpunkt der Familie Stein und konnte durch die Gesellschaft vor dem endgültigen Verfall gerettet werden. Mit vielen Anekdoten aus dem Leben der Familie Stein und natürlich reichlich Informationen führte uns Frau Bradzik-Milosz durch das Haus. Viele Familienfotos, zwei originale Möbelstücke und auch ein Poesie-Album-Eintrag, den Edith Stein für ihre Nichte geschrieben hatte, sowie eine umfangreiche Ausstellung sorgten zusätzlich dafür, uns das Leben Edith Stein zu vergegenwärtigen.
Mit diesen ersten Eindrücken gingen wir zu Fuß in die nahegelegene Michaelis-Kirche. Edith Stein besuchte dort selbst den Gottesdienst, als sie nach ihrer Konversion in Breslau weilte. Wir konnten dort mit der Gemeinde Gottesdienst feiern. Besonderen Eindruck auf uns machte die im hinteren Teil der Kirche eingerichtete Edith-Stein-Kapelle. Der Altar, von der Erzdiözese Köln gestiftet, zeigt die aufgeschlagene Heilige Schrift, daneben einen Stapel Manuskripte. Beides steht für das, was Edith Steins Leben ausmachte: Der Glaube und die Wissenschaft. Der Altar wurde von der Bildhauerin Alfreda Poznanska, Professorin an der Breslauer Kunstakademie, gestaltet. Mit einem wunderbaren Gebet gelang es Pater Severin die Reisegefährtinnen und -gefährten an diesem besonderen Ort auch spirituell auf die Reise einzustimmen.
Am zweiten Tag waren wir auf den Spuren der Heiligen in Breslau unterwegs. Mit Zitaten Edith Steins führte uns Frau Bradzik-Milosz durch die Altstadt und die Dominsel. So konnten wir uns lebendig vorstellen, wie Edith Stein in einer Fensternische der Universität „sich wie ein Burgfräulein“ fühlte, wie sie über die Dominsel wandelte und dort die Stille genoss oder im sehr beeindruckenden Festsaal der Universität den Feierlichkeiten beiwohnte. Die Universität, die sie liebte und von der sie sich dann doch leichten Herzens verabschiedete, als es sie zu Husserl an die Universität nach Göttingen wechselte.
Sehr beeindruckend war für uns auch die Weiße-Storch-Synagoge, die seit 2010 in neuem Glanz erstrahlt, nachdem sie durch eine Grundsanierung vor dem endgültigen Verfall gerettet werden konnte. Heute finden in dem prachtvollen Raum auch viele kulturelle Veranstaltungen statt. Aber zu besonderen Festen werden die Thora-Rollen in den Thora-Schrein gebracht und die Juden Breslaus feiern ihre großen religiösen Festtage. Ein kleiner Gebetsraum steht für die wöchentlichen Gebete zur Verfügung. Lebten 1925 über 23 000 Juden in Breslau, überlebten nur 38 Breslauer Juden die Shoa. Heute zählt die jüdische Gemeinde in Breslau ca. 300 eingetragene Mitglieder. Zum Abschluss besuchten wir den jüdischen Friedhof in Breslau. Edith Steins Eltern, Auguste und Siegfried Stein sind dort begraben. Der Friedhof wird von der Stadt Breslau als Museum erhalten und sukzessive saniert. Dass dieser Friedhof nicht, wie z.B. der fast gegenüberliegende evangelische Friedhof, aufgelassen und als Bauland ausgewiesen wurde, ist vermutlich einem anderen, sehr berühmten Breslauer zu verdanken, der hier begraben ist: Ferdinand Lasalle, einer der Begründer der Sozialdemokratie, der auch heute noch verehrt wird, wie man an den großen Feierlichkeiten zu seinem 200. Geburtstag im letzten Jahr sehen konnte. Sein Grab ist ein obligatorischer Termin für viele Staatsgäste.
Von Breslau, der Stadt der Kindheit und Jugend Edith Stein, dem Ort, an den sie – bis zu ihrem Eintritt in den Karmel – immer wieder zurückkehrte, mit dem sie sich verbunden fühlte, ging die Reise am Abend weiter nach Oswiecim. Dies ist der polnische Name der heutigen polnischen Stadt, Auschwitz ist der Name der Gedenkstätte. Das „Zentrum für Gebet und Dialog“ „am Rande von Auschwitz“, wie Manfred Deselaers, der als Priester aus der Diözese Aachen seit mehr als drei Jahrzehnten hier tätig ist, gerne sagt, wurde 1992 gegründet und sollte für vier Tage unsere Unterkunft sein.
Am Abend konnten wir mit Manfred Deselaers sprechen und uns so ein wenig mehr der Geschichte des Ortes und damit vor allem der Geschichte der Vernichtung annähern.
Der nächste Morgen begann mit einer heiligen Messe, zelebriert von Domkapitular Dr. Norbert Jung. Mit einfühlsamen, dem Ort angemessenen Worten gelang es ihm, uns auf den Tag vorzubereiten, der ganz im Zeichen der Gedenkstätte stand. Drei Stunden im Stammlager Auschwitz I wurden wir konfrontiert mit dem namenlosen Grauen, mit unermesslicher, nicht beschreibbarer menschlicher Grausamkeit und ebenso unermesslichem, nicht beschreibbarem menschlichem Leid. Ebenso im Vernichtungslager Auschwitz II Birkenau – nichts konnte die Unfassbarkeit relativieren. An dieser Stelle verzichten wir auf die Beschreibung der Einzelheiten oder auf das Nennen von Zahlen, da keine Worte und keine Zahlen auch nur annähernd beschreiben können, was wir sahen.
Unsere Vorstellungskraft reicht nicht aus, wir können uns nicht vorstellen, was es hieß, hier zu überleben: Hunger, schwere Arbeit, Hitze, Kälte. Die Menschen wurden nicht mehr als Menschen behandelt, sie hatten keinen Namen mehr, sie waren eine Nummer. Die totale und systematische Entmenschlichung, die Nicht-Mehr-Achtung als Menschen, die nicht einmal mehr Verachtung ist, wurde zum Trauma für die Überlebenden. Für die Juden, die hier umgebracht wurden, gibt es keine Gräber, für ihre Angehörigen keinen Ort der Trauer.
Wir wissen, dass es passiert ist, das heißt, dass es passieren konnte und dass es wieder passieren kann, dass es sich wiederholen kann. Manfred Deselaers stellte auch die Frage in den Raum, die sich jeder stellen sollte: Wie hätte ich damals reagiert? Wäre ich auf die Idee gekommen, Widerstand zu leisten? Hätte ich den Mut gehabt?
Der Glaube, dass das letzte Wort die Liebe und nicht der Hass ist, ist ein Leitmotiv hier im Zentrum für Gebet und Dialog. Das Zentrum ist ein Ort, an dem alle willkommen sind. Der Respekt vor den anderen ist die Basis.
Der nächste Morgen stand im Zeichen einer Kreuzwegmeditation, bei der uns Manfred Deselaers durch Birkenau führte. Das Ringen um den Glauben, die Suche nach Gott, stößt hier ununterbrochen auf die Frage: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“. Der Kreuzweg in Auschwitz-Birkenau ist ein Kreuzweg im doppelten Sinne: Der Weg der Menschen, die hier litten und starben und der Weg Jesu, der litt und starb. Bibelzitate, Erinnerungen an die Lagerwirklichkeit und Gebete wurden von den Teilnehmern abwechselnd vorgetragen. Der Weg führte uns auch zu dem Haus, in dem Edith Stein vermutlich vergast wurde: Sie wurde gleich nach der Ankunft ohne Registrierung auf den letzten Weg in den Tod geschickt. Bei dem Haus handelt es sich um ein ehemaliges Bauernhaus, dessen Besitzer vertrieben worden waren und das bis zur Inbetriebnahme der großen Gaskammern als Gaskammer genutzt wurde. Ein wundersames Zeichen der Natur könnte hier symbolisch für das Volk Israel stehen: Neben dem Haus stand bereits zur Zeit der Vorbesitzer ein Apfelbaum. Sieht man den Stamm, scheint er tot zu sein. Und doch gibt es Äste, an denen Blüten von ungebrochenem Leben zeugen, wie wir auch in diesem Jahr wieder sehen konnten.
Die letzte Meditation des Kreuzwegs:
Das Grab hat nicht das letzte Wort. Wir glauben daran, daß Gott die Opfer nach ihrem Tod nicht im Stich läßt. Aber auch sozusagen hier auf Erden darf der Tod von Auschwitz nicht das letzte Wort haben. Aus den Knochenresten, die aussehen wie Samenkörner, muß neues Leben erstehen. Auschwitz muß ein Ort werden, der der Welt die Würde jedes einzelnen Menschen bewußt macht und uns in unsere große Verantwortung für den Frieden ruft. So wie einmal aus ganz Europa Menschen nach Auschwitz in den Tod fuhren, so muß die Botschaft von der unverletzbaren Würde aller Menschen in die Welt hinausgetragen werden. Wie es einmal viele Soldaten des Todes gab, so sind wir heute gerufen, unser ganzes Leben einzusetzen für Frieden, Versöhnung und Solidarität. Wenn wir dafür unser Leben geben, geben wir nicht mehr, als alle Opfer gegeben haben. (DESELAERS, Manfred, „Mein Gott, warum hast Du mich verlassen…?“ Kreuzwegmeditation in Auschwitz. 5. Auflage. Einhard-Verlag: Aachen 2001.)
Für viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer war der Kreuzweg die eindrücklichste Erfahrung der Reise.
Der Nachmittag führte uns durch die Labyrinthe von Marian Kolodziej im Keller der Franziskanerkirche in Harmeze. Marian Kolodziej war Häftling Nr. 432 in Auschwitz. Fast 50 Jahre nach der Befreiung schwieg er über das Leben im Lager. Erst ein Schlaganfall mit begleitender Lähmung brachte ihn dazu, Bilder aus der „Fabrik des Todes“ zu zeichnen. Über 250 Zeichnungen unterschiedlicher Größe lassen den Schrecken erahnen. Immer weniger sind die Gesichter der Lagerinsassen zu erkennen – die Entmenschlichung schreitet fort. Von Maximilian Kolbe, einem Franziskanerpater, der in Auschwitz sein Leben für das eines anderen Häftlings gab, war Marian Kolodziej so beeindruckt, dass er in ihm einen zweiten Christus sah und ihn mit der Lagernummer 16670 immer wieder zeichnete.
Die Bilder und auch Berichte aus seiner Zeit in Auschwitz ließen uns eine Ahnung davon bekommen, wie die Erinnerung auch 50 Jahre nach dem Erleben die Gegenwart der ehemaligen Lagerinsassen prägt. Marian Kolodziej wollte aber, dass das Grauen für die Besucher nicht am Ende steht. Wenn man die Ausstellung verlässt, kommt man in einen sehr harmonisch gestalteten Zen-Garten – welch ein Kontrast zur Ausstellung!
Die Gegenwart des jüdischen Lebens suchten wir im Anschluss in Oswiecim. Es leben keine Juden mehr in diesem Ort. Die wenigen, die die Shoa überlebten und nach Oswiecim zurückkehrten, konnten im kommunistischen Polen keine Heimat mehr finden. Der Antisemitismus, die wirtschaftliche Not und die politischen Unruhen lies in den 1960er Jahren die letzten Juden aus Oswiecim emigrieren. Für die Juden, die nach Auschwitz kommen, steht aber eine Synagoge zum Gebet bereit. Sie ist als einzige von ehemals 4 Synagogen erhalten geblieben und bildet mit einem kleinen Museum und einem Café ein kleines Zentrum. Wer wollte konnte noch bei einer kleinen Stadtführung die Stadt Oswiecim kennenlernen.
Ein Gottesdienst, zelebriert von Pater Severin, stand am Ende dieses Tages volle Eindrücke. Ein Gebet, das auch Edith Stein gebetet hatte, ließ die Spiritualität Edith Steins lebendig werden:
Ohne Vorbehalt und ohne Sorgen
leg ich diesen Tag in deine Hand.
Sei mein Heute, sei mein gläubig Morgen,
sei mein Gestern, das ich überwand.
Frag mich nicht nach meinen Sehnsuchtswegen,
bin aus deinem Mosaik ein Stein.
Wirst mich an die rechte Stelle legen,
deinen Händen bette ich mich ein.
Der letzte Tag in Polen sollte sich wieder dem Leben und der Zukunft zuwenden. Wir fuhren nach Krakau, wo wir erst alleine oder in Kleingruppen die Stadt erkundeten. Am Nachmittag stand eine Führung durch Kazimierz, früher eine eigene Stadt, heute ein Stadtteil Krakaus, auf dem Programm.
Kazimierz war einst das kulturelle und religiöse Zentrum der Juden Polens. Heute ist dieser Stadtteil, der nach dem 2. Weltkrieg verfiel und in dem große Armut herrschte, eher ein Szeneviertel, die meisten Gebäude, die eine jüdische Geschichte haben, sind heute gut saniert. Zwei Synagogen sind heute noch aktiv, allerdings leben heute nur noch ca. 300 Juden in Krakau. Wir konnten mit der Remu-Synagoge ein Stück gelebter jüdischer Kultur in Krakau besichtigen. Der den meisten Reisegefährtinnen und -gefährten bekannte Film „Schindlers Liste“ führte uns schließlich in das Gebiet des ehemaligen Krakauer Gettos. Unser Guide verstand es die Vergangenheit mit großem historischen und kulturellem Wissen nahe zu bringen.
Unseren letzten Abend verbrachten wir bei Klezmer-Musik im Klezmer-Hois, das im Herzen von Kazimierz, in der Nähe der Remu Synagoge im Gebäude einer alten Mikwe eingerichtet ist. Mit der originalen Vorkriegs-Einrichtung soll es die charakteristische Atmosphäre des jüdischen Viertels Kazimierz lebendig halten. Wir genossen die typische galizisch-jüdische Küche und nutzten die Stunden, miteinander noch tiefer ins Gespräch zu kommen.
Mit einem Reise-Segen nahmen wir Abschied von Polen – und werden alle vor allem die Erinnerung an die Menschen, die in Auschwitz ihr Leben verloren, behalten. Edith Stein war eine von ihnen.
Die nächste Reise auf den Spuren Edith Steins ist für die Osterwoche 2028 (17.-22.4.2028) geplant. Gerne kann man sich vormerken lassen: cordula.haderlein@gmx.de