Wie hat sich das Bayerische Kultusministerium nach 1945 auf den Weg in die neue demokratische Ordnung gemacht und welche Rolle spielte dabei die NS-Vergangenheit?
Präsentation der Studie „Tradition und Demokratie. Das bayerische Kultusministerium, seine Schulpolitik und die NS-Vergangenheit 1945-1975“ durch den Amtschef des Bayerischen Kultusministeriums, Martin Wunsch, Felix Lieb (Autor) und Magnus Brechtken (Institut für Zeitgeschichte (IfZ))
Wie hat sich das Bayerische Kultusministerium nach 1945 auf den Weg in die neue demokratische Ordnung gemacht und welche Rolle spielte dabei die NS-Vergangenheit? Diesen Fragen ist Felix Lieb in seiner Studie „Tradition und Demokratie“ nachgegangen. Gemeinsam mit Magnus Brechtken hat er die Ergebnisse bei einer großen Veranstaltung im Ministerium gemeinsam mit dem Amtschef Martin Wunsch präsentiert.
Felix Lieb hat die Nachkriegsgeschichte des Kultusministeriums auf drei verschiedenen Ebenen untersucht: Erstens auf der Ebene personeller Kontinuitäten zur NS-Zeit. Zweitens mit Bezug auf die Schulpolitik, insbesondere in Hinblick auf die Fächer Geschichte und Sozialkunde. Eine weitere Ebene stellte schließlich die Behördenkultur des Ministeriums dar
Die Buchpräsentation zur Auseinandersetzung des bayerischen Bildungssystems mit der NS-Vergangenheit, beauftragt durch den bayerischen Landtag zeichnete ein differenziertes Bild eines historischen Transformationsprozesses, der bis in die Gegenwart hineinwirkt. Im Zentrum der vorgestellten Forschungsergebnisse – unter anderem des Instituts für Zeitgeschichte – stand die Frage, wie der demokratische Neubeginn nach 1945 im schulischen und ministeriellen Bereich tatsächlich gestaltet wurde.
Ausgangspunkt bildete das in der Bayerischen Verfassung von 1946 verankerte Ziel, junge Menschen „im Geiste der Demokratie“ und zugleich in Verbundenheit mit der bayerischen Heimat zu erziehen. Die Präsentation verdeutlichte, dass diese doppelte Zielsetzung prägend für die Bildungspolitik der Nachkriegszeit war. Demokratieerziehung und Traditionsbewusstsein wurden bewusst miteinander verknüpft, um Stabilität zu schaffen und Orientierung zu bieten.
Gleichzeitig wurde herausgearbeitet, dass dieser Neubeginn nicht frei von Spannungen war. Insbesondere personelle Kontinuitäten im Kultusministerium und im Bildungswesen insgesamt stellten eine Herausforderung dar. Zahlreiche Akteure verfügten über berufliche Erfahrungen aus der Zeit vor 1945 und waren in autoritären Strukturen sozialisiert worden. Diese Prägungen beeinflussten in Teilen auch die Nachkriegspolitik und verdeutlichen die Komplexität des Übergangs von der Diktatur zur Demokratie.
In den Beiträgen wurde zudem betont, dass die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit über Jahrzehnte hinweg ein schrittweiser Prozess war. Zwischen 1945 und 1975 entwickelte sich ein Spannungsfeld aus notwendigem Neuanfang, institutioneller Kontinuität und wachsender Bereitschaft zur kritischen Reflexion.
Die Teilnahme der gesamten Schulfamilie, wie das Bayerische Kultusministerium das Aufeinandertreffen der Schüler-, Lehrer- und Elternverbände immer liebevoll nennt, wie auch dem großen Presseaufkommen, unterstrich die aktuelle Relevanz des Themas. Deutlich wurde, dass die historische Auseinandersetzung nicht allein wissenschaftliche Bedeutung hat, sondern auch konkrete Impulse für die pädagogische Praxis und die berufsethische Orientierung liefert.
Vor dem Hintergrund gegenwärtiger gesellschaftlicher Umbrüche und eines wahrnehmbar gestiegenen Extremismus an Schulen wurde die Veranstaltung als geeigneter Anlass zur Reflexion hervorgehoben. Die Beschäftigung mit historischen Erfahrungen kann dazu beitragen, demokratische Werte zu festigen und pädagogisches Handeln bewusst zu gestalten.
Der KEG-Landesvorsitzende, Martin Goppel durfte nicht nur selbst die Studie über die Weihnachtsferien lesen, sondern die KEG bei der Präsentation selbst vertreten. Und so erlebte er persönlich wie die KEG sowohl in der Studie als auch bei der Veranstaltung selbst, oft zitiert und genannt wurde. Er fasst seine Haltung wie folgt zusammen:
„Die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit zeigt uns eindrücklich, dass Demokratie nicht allein durch Worte entsteht, sondern durch gelebte Haltung. Gerade als christlicher Verband ist die KEG hier klar verortet: Wir stehen in der Verantwortung, den Anspruch des ‚Nie wieder‘ nicht nur zu formulieren, sondern ihn im schulischen Alltag sichtbar und wirksam zu leben. In dieser Verbindung aus historischer Reflexion, wertegebundener Bildung und konkretem Handeln liegt unsere besondere Vorbildfunktion für eine demokratische Schulkultur. Wir sind sehr dankbar für die Studie und die damit verbunden Denkansätze".
Insgesamt vermittelte die Buchpräsentation ein sachliches, zugleich aber auch zukunftsgerichtetes Bild: Die kritische Aufarbeitung der Vergangenheit wird als fortlaufende Aufgabe verstanden, die Chancen eröffnet, Schule, Verbände wie auch das Kultusministerium selbst als Ort demokratischer Bildung weiterzuentwickeln und den aktuellen Herausforderungen mit reflektierter Verantwortung zu begegnen.
Felix Liebs Studie zum bayerischen Kultusministerium ist Teil des großen Forschungsprojekts „Demokratische Kultur und NS-Vergangenheit. Politik, Personal, Prägungen in Bayern 1945-1975“, dass das IfZ auf der Grundlage eines einstimmigen Beschlusses des Bayerischen Landtags durchgeführt hat. Mehrere Teilstudien gingen darin der Frage nach, wie die bayerischen Ministerien und Behörden nach 1945 mit ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit umgegangen sind und welche Brüche und Kontinuitäten den demokratischen Neuanfang prägten. Die Konzeption hatte Pioniercharakter, denn damit wurde erstmals der personelle und funktionale Gesamtzusammenhang einer Landesregierung von der Ministeriumsspitze bis hinunter auf die Vollzugsebene in den Blick genommen. Ende 2023 ist die erste Studie über die Staatskanzlei erschienen, es folgten Veröffentlichungen über die den staatlichen Gesundheitsdienst, das Justizministerium sowie das Landesamt für Statistik. Seit Kurzem liegen auch Arbeiten über das Finanzministerium und die Sicherheitsbehörden vor.