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Blick nach Dänemark: Schule, die mehr kann als Wissen vermitteln

Überblick über Struktur, Pflicht, Verantwortlichkeiten und Bildungswege

Die Organisation und Struktur von Schulsystemen reflektiert zentrale bildungspolitische Entscheidungen eines Landes: Welche Ziele verfolgt man? Welche Freiheitsgrade erhalten Schulen und Lehrpersonen? Wie werden Lernwege gestaltet und gesteuert? Ein Vergleich der Schulsysteme Dänemarks und Deutschlands – am Beispiel Schleswig-Holsteins – zeigt sowohl Gemeinsamkeiten als auch markante Unterschiede in Aufbau, Verantwortlichkeit und pädagogischer Schwerpunktsetzung.

Zuständigkeiten und Steuerung

Das dänische Schulsystem ist zentral organisiert und basiert auf dem Folkeskoleloven (Gesetz über die Volksschule). Die nationale Gesetzgebung definiert grundlegende Bildungsziele und Fachanforderungen. Zuständig für die Rahmenlehrpläne ist das Undervisningsministeriet (Ministerium für Unterricht), das gemeinsam mit den Kommunen die Schulaufsicht wahrnimmt.

Innerhalb dieses Rahmens verfügen die Kommunen über weitreichende Kompetenzen, insbesondere in den Bereichen Budgetverteilung, Personaleinstellung und curriculare Ergänzungen. Die Schulleitungen tragen die Verantwortung für den pädagogischen und organisatorischen Alltag.

Ein zentraler struktureller Unterschied zu Deutschland besteht in der Unterrichtspflicht: In Dänemark gilt eine zehnjährige Unterrichtspflicht, beginnend im Kalenderjahr des sechsten Geburtstags bis zum 16. Lebensjahr. Diese kann durch den Besuch öffentlicher oder privater Schulen sowie durch Hausunterricht erfüllt werden.

Aufbau des Schulsystems und Bildungswege – Folkeskole und weiterführende Angebote

Das dänische Schulsystem gliedert sich wie folgt:

  • børnehaveklasse (0. Klasse): einjährige Vorschulstufe

  • grundskole (1.–9. Klasse): einheitliche Primar- und untere Sekundarstufe

  • 10. Klasse: freiwillige Orientierungsstufe

  • Obere Sekundarstufe: vier Programme mit unterschiedlichen akademischen oder beruflichen Schwerpunkten

Die Folkeskole ist als Gesamtschule konzipiert und verfolgt einen langfristigen, integrativen Bildungsansatz. Differenzierter Unterricht, nationale Tests, individuelle Lernzielpläne sowie kooperative Lernformen (z. B. Gruppenarbeit, Lernteams) sind feste Bestandteile des schulischen Alltags.

Unterrichtsformen, curriculare Freiheit und pädagogische Schwerpunkte

Der nationale Lehrplan setzt in Dänemark verbindliche Ziele, lässt jedoch vergleichsweise große Spielräume für kommunale und schulische Ausgestaltung. Teamorientierte Unterrichtsmodelle, projektbasiertes Lernen und soziale Lernformen sind ausdrücklich erwünscht.

Im deutschen System ist Unterricht stärker durch landesspezifische Lehrpläne und Schulformen geprägt. Methodisch-didaktische Entscheidungen liegen zwar bei den Lehrkräften, erfolgen jedoch häufig innerhalb engerer curricularer Vorgaben.

Empathie als Schulfach – soziale Bildung als Kernauftrag

Ein besonderer pädagogischer Schwerpunkt des dänischen Schulsystems liegt auf der systematischen Förderung sozialer und emotionaler Kompetenzen. Seit 1993 ist Empathie – häufig im Rahmen verbindlicher sozialer Lernformate – fester Bestandteil des Unterrichts in jeder dänischen Folkeskole für Kinder und Jugendliche zwischen 6 und 16 Jahren.

In regelmäßig stattfindenden Unterrichtseinheiten – in der Regel etwa eine Stunde pro Woche – erhalten Schülerinnen und Schüler Raum, über eigene Gefühle, Konflikte und Herausforderungen zu sprechen. Ziel ist es, die eigene Situation reflektieren zu lernen, zuzuhören und sich in andere hineinzuversetzen. Gemeinsam werden Lösungsstrategien entwickelt, um konkrete Unterstützung zu ermöglichen und das Klassenklima zu stärken.

Dieser Ansatz verfolgt eine klare präventive Zielsetzung: Mobbing, Ausgrenzung und herabwürdigendes Verhalten sollen frühzeitig erkannt und verhindert werden. So wird soziale Verantwortung nicht als Zusatz, sondern als integraler Bestandteil schulischer Bildung verstanden.

Die Wirksamkeit dieses Modells ist empirisch belegt. Laut einer Studie der HBSC-Reihe des dänischen Instituts für öffentliche Gesundheit sank der Anteil der Jugendlichen, die regelmäßig Opfer von Mobbing wurden, von 24,4 % im Jahr 1994 auf 6,3 % im Jahr 2022. Dänemark zählt damit europaweit zu den Ländern mit den niedrigsten Mobbingraten.

Bildung für Demokratie und gesellschaftlichen Zusammenhalt

Dänemark verfolgt mit seinem Bildungssystem ausdrücklich das Ziel, Kinder und Jugendliche zu mündigen Bürgerinnen und Bürgern einer demokratischen Gesellschaft zu erziehen. Fachliches Lernen wird dabei konsequent mit sozialer, emotionaler und ethischer Bildung verknüpft.

Vor dem Hintergrund hoher gesellschaftlicher Zufriedenheit, einer stark ausgeprägten Gemeinwohlorientierung und des Modells der Gesamtschule wird deutlich: Bildung in Dänemark versteht sich nicht allein als Wissensvermittlung, sondern als ganzheitlicher Prozess der Persönlichkeitsentwicklung.

Der Vergleich der Schulsysteme Dänemarks und Deutschlands verdeutlicht unterschiedliche bildungspolitische Prioritäten. Während Dänemark auf ein einheitliches, langfristiges Gesamtschulmodell mit hoher sozialpädagogischer Verankerung und kommunaler Freiheit setzt, ist das deutsche System stärker gegliedert und föderal geprägt.

Beide Modelle haben spezifische Stärken und Herausforderungen. Der internationale Austausch – etwa im Rahmen von Projekten wie kultKIT – eröffnet wertvolle Impulse für Schulentwicklung, insbesondere dort, wo soziale Kompetenzen, Empathie und demokratische Bildung zunehmend an Bedeutung gewinnen.

Quellen:

Undervisningsministeriet

uvm.dk

Undervisningsministeriet in englischer Sprache

eng.uvm.dk

Ständige Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland

www.kmk.org        

Kontrast.at. (22. August 2025).Schulfach Empathie? Dänemark lernt den Kindern Mitgefühl. https://kontrast.at/schulfach-empathie-daenemark-schule/ (abgerufen am 10.01.2026).

Foto: Grafik_Aufbau des dänischen Schulsystems_Quelle Königlich Dänisches Ministerium des Äußeren (Hrsg.)