Was Pädagoginnen und Pädagogen gesund hält

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Psychische Erkrankungen sind weit verbreitet: Im Verlauf eines Jahres erlebt fast jeder dritte Mensch eine psychische Erkrankung (Jacobi et al., 2014; 2016; RKI, 2024).

Pädagogische Berufe gelten seit Jahren als besonders belastend. Hohe Arbeitsdichte, emotionale Anforderungen, zunehmende Bürokratie und gesellschaftliche Erwartungen führen bei vielen Pädagoginnen und Pädagogen zu Stress, Erschöpfung und gesundheitlichen Problemen. Eine aktuelle wissenschaftliche Studie von Liv Frommhold (2024) zeigt nun deutlich: Gesundheit im pädagogischen Beruf ist kein rein individuelles Thema – sie entsteht im Zusammenspiel von Persönlichkeit, Sinnempfinden und vor allem dem organisationalen Umfeld.

Gesundheit ist mehr als Stressvermeidung

Im Zentrum der Untersuchung steht ein salutogenetischer Ansatz. Das bedeutet: Nicht nur Risiken und Belastungen werden betrachtet, sondern gezielt jene Faktoren, die Gesundheit fördern. Grundlage ist unter anderem das Modell der Salutogenese nach Aaron Antonovsky. Demnach bleibt ein Mensch dann gesund, wenn er sein Leben als verstehbar, handhabbar und sinnvoll erlebt.

Für den pädagogischen Alltag heißt das: Pädagoginnen und Pädagogen brauchen nicht nur fachliche Kompetenz, sondern auch das Gefühl, Einfluss nehmen zu können, unterstützt zu werden und in ihrer Arbeit Sinn zu erleben

Persönlichkeit spielt eine Rolle – aber nicht die entscheidende

Die Studie basiert auf einer bundesweiten Onlinebefragung von pädagogischen Fachkräften. Insgesamt nahmen 742 pädagogisch Tätige an einer einmaligen Befragung teil, 279 weitere wurden über zwei Zeitpunkte hinweg untersucht.

Die Ergebnisse zeigen: Bestimmte Persönlichkeitsmerkmale wie emotionale Stabilität oder Gewissenhaftigkeit gehen mit besserer psychischer Gesundheit einher. Pädagoginnen und Pädagogen mit diesen Eigenschaften kommen im Durchschnitt besser mit Stress um.

Gleichzeitig macht die Studie deutlich: Persönlichkeit allein erklärt Gesundheit nicht. Auch sehr engagierte und stabile pädagogische Fachkräfte geraten in Belastungssituationen, wenn die äußeren Bedingungen dauerhaft ungünstig sind.

Das Arbeits- und Organisationsklima als zentraler Gesundheitsfaktor

Ein zentrales Ergebnis der Studie ist die große Bedeutung des Arbeits- und Organisationsklimas. Pädagoginnen und Pädagogen, die ihre Einrichtung als unterstützend, wertschätzend und kooperativ erleben, berichten deutlich häufiger von guter psychischer Gesundheit.

Wichtige Faktoren sind dabei:

  • offene und respektvolle Kommunikation

  • Unterstützung durch Kollegium und Leitung

  • transparente Entscheidungsprozesse

  • Möglichkeiten zur Mitgestaltung

Ein positives Arbeitsklima wirkt dabei nicht nur direkt gesundheitsfördernd, sondern verstärkt auch individuelle Ressourcen wie Selbstwirksamkeit und Belastbarkeit. Umgekehrt erhöhen konfliktreiche oder wenig unterstützende Arbeitsumfelder das Risiko für Stress und Erschöpfung – unabhängig von der persönlichen Leistungsfähigkeit.

Selbstwirksamkeit und Sinn schützen vor Überlastung

Pädagoginnen und Pädagogen mit einer hohen Selbstwirksamkeitserwartung – also dem Vertrauen, Herausforderungen bewältigen zu können – zeigen geringere Stresswerte und ein höheres Wohlbefinden. Eng damit verbunden ist das Erleben von Sinn im Beruf.

Wer den eigenen Beitrag als bedeutsam erlebt, fühlt sich weniger ausgeliefert und kann Belastungen besser einordnen. Sinn wirkt dabei als psychischer Schutzfaktor, der langfristig stabilisiert.

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Konsequenzen für pädagogische Praxis und Bildungspolitik

Die Studie macht deutlich: Gesundheitsförderung im pädagogischen Beruf darf sich nicht auf individuelle Resilienztrainings beschränken. Notwendig sind strukturelle und organisationale Maßnahmen.

Dazu gehören:

  • gezielte Organisations- und Einrichtungsentwicklung mit Fokus auf Arbeitsklima

  • Stärkung von Leitungs- und Führungskompetenzen

  • Zeit und Räume für kollegialen Austausch

  • präventive Angebote zur Förderung von Selbstwirksamkeit und Sinnorientierung

Die Bibel und psychische Gesundheit – im Licht des PERMA-Modells

Auf den ersten Blick scheint die Bibel wenig zur psychischen Gesundheit im 21. Jahrhundert beizutragen. Der Begriff selbst ist ihr fremd. Dennoch finden sich in den biblischen Texten zahlreiche Einsichten, die sich mit heutigen psychologischen Modellen verbinden lassen – insbesondere mit dem PERMA-Modell der Positiven Psychologie nach Martin Seligman.

Ein ganzheitliches Menschenbild als Grundlage

Die Bibel versteht den Menschen als Ganzheit von Körper, Geist und Seele (vgl. 1 Thess 5,23). Dieses Verständnis entspricht modernen biopsychosozialen Ansätzen, auf denen auch das PERMA-Modell aufbaut. Psychische Gesundheit entsteht demnach nicht durch die Optimierung einzelner Bereiche, sondern durch ein ausgewogenes Zusammenspiel verschiedener Dimensionen des Menschseins.

Für pädagogische Fachkräfte bedeutet das: Wohlbefinden im Beruf ist nicht allein eine Frage von Arbeitsorganisation oder individueller Belastbarkeit, sondern auch von Sinn, Beziehung und innerer Haltung.

P – Positive Emotionen: Raum für Hoffnung und Trost

Positive Emotionen gelten im PERMA-Modell als wichtige Ressource, die Aufmerksamkeit erweitert und persönliche Kraftquellen stärkt. Auch die Bibel kennt diese Wirkung. Sie verschweigt Leid nicht, stellt ihm aber Hoffnung, Trost und Zuversicht zur Seite (z. B. Ps 46,1).

Für Pädagoginnen und Pädagogen heißt das: Positive Emotionen dürfen bewusst gepflegt werden, ohne reale Belastungen zu verdrängen.

E – Engagement: Begabung, Berufung und Flow

Engagement beschreibt im PERMA-Modell das vertiefte Aufgehen in einer Tätigkeit. Biblisch gesprochen entspricht dies dem Gedanken, die eigenen Gaben verantwortungsvoll einzusetzen.

Für pädagogische Fachkräfte bedeutet das, sich immer wieder bewusst zu machen, wo eigene Stärken liegen und wie diese im Berufsalltag wirksam werden. Engagement entsteht dort, wo Anforderungen und Fähigkeiten in ein tragfähiges Verhältnis kommen.

R – Relationships: Beziehung als Schutzfaktor

Beziehungen sind ein zentraler Faktor im PERMA-Modell. Der Mensch wird als Beziehungswesen verstanden – in Beziehung zu anderen Menschen (vgl. Mt 22,37–40).

Für den pädagogischen Alltag bedeutet das: Kollegiale Unterstützung, vertrauensvolle Teams und tragfähige Beziehungen zu den betreuten Menschen sind keine „weichen Faktoren“, sondern wesentliche Voraussetzungen für mentale Gesundheit.

M – Meaning: Sinn als tragende Dimension

Sinnerleben gilt im PERMA-Modell als besonders wirksamer Schutzfaktor gegen Stress und Erschöpfung. Gerade im pädagogischen Beruf kann Sinn helfen, Belastungen einzuordnen: Der tägliche Einsatz wirkt oft langfristig und nicht immer sichtbar, bleibt aber bedeutsam.

A – Accomplishment: Erfolge wahrnehmen und würdigen

Das PERMA-Modell betont die Bedeutung von Erfolgserleben. Für Pädagoginnen und Pädagogen heißt das: Nicht nur Defizite sollten den Blick bestimmen. Das Wahrnehmen kleiner Fortschritte, gelungener Beziehungen oder persönlicher Entwicklung stärkt das Selbstwirksamkeitserleben und wirkt stressreduzierend.

Konsequenzen für pädagogische Praxis und Bildungspolitik – ein integriertes Fazit

Die Ergebnisse der Studie von Liv Frommhold sowie die Einordnung durch das PERMA-Modell und das biblische Menschenbild machen deutlich: Gesundheitsförderung im pädagogischen Beruf darf weder auf individuelle Resilienztrainings noch auf moralische Appelle zur Selbstoptimierung reduziert werden. Psychische Gesundheit ist keine reine Privatsache, sondern entsteht im Zusammenspiel von individuellen Ressourcen, tragfähigen Beziehungen und unterstützenden Strukturen.

Notwendig sind wertschätzende Arbeitskulturen, professionelle Leitung, Zeit für Austausch und präventive Angebote zur Förderung von Selbstwirksamkeit und Sinnorientierung. Solche Maßnahmen kommen nicht nur pädagogischen Fachkräften zugute, sondern schaffen stabile, förderliche Bildungs- und Entwicklungsräume.

Gleichzeitig gilt: Psychische Belastungen sind kein persönliches Versagen. Prävention, Sinnorientierung und Beziehungspflege sind zentrale Schutzfaktoren, ersetzen jedoch keine professionelle Unterstützung, wenn diese notwendig ist. Gesunde Bildungseinrichtungen entstehen dort, wo Leistung, Menschlichkeit und Fürsorge gemeinsam gedacht werden.

Quellen:

Antonovsky, A. (1997). Salutogenese. Zur Entmystifizierung der Gesundheit. Tübingen: DGVT.

Bandura, A. (1997). Self-efficacy: The exercise of control. New York: Freeman.

Frommhold, L. (2024). Was trägt zur Gesundheit im Lehrerberuf bei? Persönlichkeit und Schulklima als Einflussfaktoren psychischer Gesundheit.
Online verfügbar über peDOCS – Fachportal Pädagogik:
https://www.pedocs.de/volltexte/2024/31896/pdf/Frommhold_2024_Was_taegt_zur_Gesundheit_im_Lehrerberuf_bei.pdf

Stepp, G. (2025). Die Bibel und psychische Gesundheit – Zeitlose Weisheit und Wohlbefinden heute. Foundations. Abgerufen am 13.01.2026, von https://foundations.vision.org/de/bible-and-mental-health-9781

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