GLAUBE & RELIGION
„Wie bleibe ich gesund?“Geistlicher Impuls von Pfarrer Beschorner
Bei der Betrachtung dieser Frage kam bei mir sofort die Frage auf: Bin ich denn gesund? Wer definiert eigentlich Gesundheit? Wenn jemand, so wie ich selber, seit Jahrzehnen unter einer Autoimmunkrankheit leidet, durch exzellente Medikation praktisch seit vielen Jahren symptomfrei ist, würde ich mich nicht gerade als krank beschreiben. Diese Arten von Krankheiten sind bis heute nicht heilbar, aber innerhalb dieses Rahmens fühle mich absolut gesund. Auf der anderen Seite gibt es Menschen, die medizinisch gesehen, keine feststellbaren Krankheiten haben, sich aber trotzdem krank fühlen. Dann gibt es Menschen, denen äußerlich nichts anzusehen ist, sie aber psychisch und seelisch krank sind und auch die Menschen, die zum Beispiel an Demenz leiden, es aber selber (noch) nicht wahrnehmen und sich ganz gesund fühlen, es aber faktisch nicht (mehr) sind.
Dieser kleine Ausschnitt an Fragen und Unterscheidungen zeigt bereits, dass die Frage, wie ich denn gesund bleiben könne, viel komplexer ist, als es beim oberflächlichen Betrachten erscheinen mag. Die aufmerksam Lesenden werden es erahnen, dass ich als katholischer Seelsorger natürlich auf eine tiefere Dimension zu sprechen kommen möchte.
Als Mensch, der Jesus Christus im Glauben als Vorbild hat, ist die religiöse Dimension der Ausgangsfrage sehr entscheidend. In den Evangelien wird interessanter Weise eher von der umgekehrten Position ausgegangen, dass nämlich der Mensch danach strebt, gesund also heil zu werden, also genau die umgekehrte Fragestellung. Als Mensch bin ich durch das ganz normale Leben schon dadurch belastet, dass ich jeden Tag hunderte kleine und große Entscheidungen treffe, was bereits am Morgen beginnt. Stehe ich auf? Was ziehe ich an? Was nehme ich heute zum Frühstück? Wird es ein großer oder kleiner Kaffee? Was muss ich heute erledigen? Das sind alles Beispiele für Entscheidungen, bei denen natürlich Fehlentscheidungen dabei sein können, die dann für den Tag oder darüber hinaus negative Konsequenzen haben können. Der Spruch, „ich bin heute mit dem linken Bein aufgestanden“, kann so ein Ausdruck sein, dass der Tag nicht so gut läuft. In der Begegnung mit Menschen reagiere ich zum Beispiel auf Äußerungen plötzlich unüberlegt emotional und dann kann es leicht passieren, dass mir dann leidtut, was ich gesagt oder getan habe. Und schon sind Verletzungen da, bei mir, bei den anderen und die wirken dann oft unbewusst weiter und verstärken sich sogar manchmal. Bei ständigem Ignorieren dieser Phänomene und einem „ich bin halt so“ gepaart mit der Tendenz die Ursache meiner negativen Reaktionen beim anderen zu suchen, kann das seelisch krank machen, was sich unter Umständen auch körperlich auswirken kann. Nicht umsonst haben heute Psychologen solchen Zulauf. Dabei kann mir aber gerade der persönliche christliche Glaube schon sehr viel helfen. Jesus sagt: „Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; und ihr werdet Ruhe finden für eure Seele. Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.“ (Mt 11,29f) Dieses „mein Joch“ heißt nichts anderes, als dass ich meine viel schwereren Belastungen Jesus anvertrauen kann. Wenn Er mir hilft, diese zu tragen, merke ich vielleicht, dass die Last leichter wird. Übersetzt bedeutet es, dass ich als glaubender Mensch eben nicht alles allein schultern muss, sondern dass ich mich im Herrn geborgen wissen darf, der mir immer die Möglichkeit gibt, Belastendes meiner Seele von mir zu nehmen. Vertrauen ist das wichtige Stichwort und die Möglichkeit immer wieder neu anfangen zu können. Ich muss nicht alles selber mit mir ausmachen. Praktisch geht das mit seelsorglichen Gesprächen, der Beichte und Exerzitien, wo ich bereit bin, mich mit meiner Lebens-Geschichte der vielen Entscheidungen zu beschäftigen, ja zu stellen und meinen Alltag auf diese Weise Gott anzuvertrauen. Die vielen Heilungswunder in den Evangelien zeugen von der Erfahrung der Menschen mit Jesus, der gesund macht und das mit natürlich mit sehr starken Begegnungen. Im Markus-Evangelium ist beispielsweise die Rede vom Blinden, der Jesus trifft und folgender Dialog ist überliefert: „Was willst du, dass ich dir tue?“ fragte Jesus und der Blinde antwortete: „Rabbuni (Meister), ich möchte sehen können.“ Da sagte Jesus zu ihm: „Geh! Dein Glaube hat dich gerettet.“ Im gleichen Augenblick konnte er sehen und er folgte Jesus auf seinem Weg nach. (vgl. Mk 10,51f) Jesus nimmt mich ernst indem er fragt, was er denn für mich tun könne. Den Wunsch sehen zu können, heil zu werden, soll ich selber formulieren. Dafür muss ich mir aber meiner selbst bewusst werden. Erst dann wird Jesus aktiv. Aber nicht wie erwartbar, dass Jesus sich hinstellt und sagt: Geh nun, ich habe dich gesund gemacht, sondern es steht da: Dein Glaube hat dich gerettet, hat dich gesund werden lassen. Das ist die Verbindung zu unserm Thema, dass ich nicht davon ausgehe, einfach so gesund zu sein und alles selber im Griff haben zu können und allein „meines Glückes Schmied“ zu sein. Das Teilen der Last, das Vertrauen darauf, dass Jesus da ist und mitträgt, mich begleitet und mich ganz heil sein lassen möchte, kann letztlich auch mein Leben heute seelisch, das heißt in der Tiefe meines Daseins, gesünder machen. Durch den Glauben an Jesus Christus, also an einen guten Gott, der mich im Innersten berührt, kann ich den Mut haben, mich und mein Leben wirklich zu reflektieren, ehrlich anzuschauen wie es ist und eben nicht wie ich denke, dass es sein sollte.
Um zur Ausgangsfrage zu kommen heißt dann auch, einfach aufmerksamer und reflektierter das Leben zu gestalten. Wie gut nehme ich meinen Mitmenschen aber auch mich selber wahr? Oder sehe ich ausschließlich mich selbst im Zentrum des Universums, um das sich alles drehen muss? So wünsche ich uns allen in wenig mehr Aufmerksamkeit für den anderen Menschen, die dann gelingen kann, wenn die Aufmerksamkeit für mich selbst geübt ist. Der Glaube an Gott und das Wirken Jesu in meinem eigenen Leben bleiben Geschenk, aber Aufmerksamkeit kann ich selber üben.