GLAUBE & RELIGION

Rückkehr des Religiösen?

Quelle: Artikel Domradio: https://www.domradio.de/artikel/studien-zur-religiositaet-junger-menschen-loesen-kontroversen-aus

Immer wieder berichten Studien von neu wachsender Religiosität bei jungen Menschen. Deutet sich hier nach jahrzehntelanger Säkularisierung ein Trendwechsel an? Die Reaktionen sind unterschiedlich, wie auch das Phänomen divers ist.

"Nun sag', wie hast du's mit der Religion?" – Die berühmte Gretchenfrage aus Goethes Faust scheint aktueller denn je. In der Öffentlichkeit praktizierte Religiosität scheint zumindest in der westlichen Welt seit Jahrzehnten auf dem Rückzug. Betroffen ist davon vor allem die christliche Religion, was hierzulande durch die Verdünnung des Gottesdienstangebots aufgrund von sinkender Nachfrage oder gar durch die Schließung einer Vielzahl von Kirchen deutlich wird. Kirchliche Verbände verzeichnen den Rückgang ihrer Mitgliederzahlen, was nicht nur, aber auch demografische Gründe hat. Christentum und Kirche scheinen in unseren Breiten eine Art Auslaufmodell zu sein.

Doch weisen in mehreren Ländern jüngste Studien darauf hin, dass junge Menschen wieder stärkeres Interesse an Religion und Spiritualität zeigen. Diese Entwicklung wird unterschiedlich interpretiert – als Zeichen einer Sinnsuche in unsicheren Zeiten, als kulturelles Gegenphänomen zur Säkularisierung oder als Ausdruck individueller Spiritualität jenseits kirchlicher Institutionen. Gleichwohl bleiben Fachleute vorsichtig: Von einer eigentlichen "Rückkehr der Religion" könne kaum die Rede sein.

Katholische Gemeinden profitieren

In Großbritannien etwa registrieren Meinungsforscher seit einiger Zeit ein wachsendes religiöses Bewusstsein unter 18- bis 24-Jährigen. Umfragen der "Bible Society" und von "YouGov" zeigen, dass in dieser Altersgruppe der Anteil derjenigen, die an Gott oder eine höhere Macht glauben, in den letzten Jahren deutlich gestiegen sei. Auch der regelmäßige Kirchgang junger Menschen habe zugenommen. Auffällig sei, dass katholische Gemeinden hier stärker profitieren als die anglikanische Kirche.

Ähnliche Entwicklungen lassen sich in den Vereinigten Staaten beobachten: Dort gewinnt die sogenannte "TradCath"-Bewegung – eine Strömung junger, oft konservativer Katholiken mit Vorliebe für traditionelle Liturgie – an Sichtbarkeit. Ihre Anhängerinnen und Anhänger sehen im Glauben einen stabilen Orientierungspunkt in einer als polarisiert und unübersichtlich empfundenen Gesellschaft.

Mehr Unbefangenheit

Auch im deutschsprachigen Raum gibt es neue Befunde. In Österreich sorgte die Studie "Was glaubt Österreich?" der Universität Wien für Aufmerksamkeit. Sie legt nahe, dass die jüngere Generation, insbesondere die 14- bis 25-Jährigen, offener gegenüber religiösen Themen ist als lange angenommen.

Die Wiener Pastoraltheologin Regina Polak betont in einem Beitrag in der "Herder Korrespondenz", dass junge Menschen heute "unbefangener" über Religion sprechen und weniger von kirchlicher Sozialisation geprägt seien. Den Alltag strukturierende Rituale, eindeutige Antworten auf komplexe Fragen, spirituelle Erfahrungen und unbekannte alte Traditionen machten Religion als Option interessant. In der Tat ist im Gespräch mit Jugendlichen im katechetischen Kontext vermehrt zu beobachten, dass kirchenpolitische Reizthemen wie Zölibat und Frauenfrage kaum noch interessieren, die Frage nach Gott hingegen noch eine Rolle spielt.

Gleichzeitig weist Polak darauf hin, dass sich Glaube zunehmend individualisiere und nicht notwendigerweise an Institutionen gebunden bleibe. Religion werde stärker "nach Bedarf" gelebt – in Formen, die persönliche Relevanz besitzen, ohne dass sie automatisch in Kirchlichkeit münden. Außerdem warnt die Theologin vor einer Tendenz zum Anti-Intellektualismus bei jungen Menschen, die ihren Glauben möglicherweise nicht genügend reflektieren.

Kritisch und reflektiert

Zustimmung erhält Polak vom Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ). Kirchliche Jugendarbeit sei immer auch Bildungsarbeit, betont Bundesvorsitzender Volker Andres gegenüber DOMRADIO.DE. "Junge Katholik*innen können und wollen sich kritisch und reflektiert mit ihrem Glauben auseinandersetzen und daraus engagiert die Kirche und Gesellschaft mitgestalten."

Die pastorale und theologische Rezeption dieser Befunde fällt unterschiedlich aus. Die Pastoralreferentin Katharina Goldinger mahnte vor dem Hintergrund des Erstarkens konservativer Ansichten in einem Beitrag auf katholisch.de, dass die Kirche nicht "um jeden Preis" neue Gläubige wollen dürfe. Sie müsse sich entschieden davon distanzieren, "auf der Welle neuer rechtskonservativer, populistischer Strömungen mitzuschwimmen".