GLAUBE & RELIGION
„Was bleibt?“
Die Betrachtung dieses Themas fällt dem Schreiber des Beitrages gerade in eine Zeit der persönlichen Trauer und des Abschiednehmens, nachdem der eigene Vater im Alter von 91 Jahren schwer krebskrank verstorben ist. Als Seelsorger und Jesuit habe ich zwar zahlreiche Menschen auf dem letzten Weg begleiten dürfen, aber der Tod des eigenen Vaters ist dann doch wesentlich näher dran. Wir pflegten ein unaufgeregtes Vater-Sohn-Verhältnis. Es war zwar nicht unkompliziert, aber unterm Strich sehr liebevoll gerade in den letzten Jahren seines Krankseins und Schwächer Werdens. Was am Ende bleibt, ist eine sehr berechtigte Frage. Nach Abschied im Krankenhaus, Requiem und Beerdigung sind nun einige regelnde und neu ordnende Aktivitäten gefragt. Heißt, ich bin gerade noch sehr beschäftigt mit Angelegenheiten, die einfach geregelt werden müssen.
Was bleibt sind zunächst einmal viele Erinnerungen, merke aber, dass ich die Zeit der eigenen Trauer brauche. Ich nehme Abschied und das jeden Tag ein wenig mehr. Da ich immer sehr offen mit dem Tod umgegangen bin, fällt mir es jetzt zwar leichter, denn ich habe schon viele befreundete jesuitische Mitbrüder, die mir sehr viel bedeutet haben, gehen lassen. Aber auch von vielen Verwandten, die ich zum großen Teil sogar selber beerdigt habe, musste ich mich verabschieden. Mit jedem Menschen, der geht, bleibt eine Lücke, die sich nicht wieder füllen lässt. Das tut weh.
Was mir aber dabei auffällt, ist, dass mir der christlich katholische Glauben an Gott sehr hilft. Ich kann mir nicht vorstellen, wie ich ohne den Glauben mit diesen Verlusten gut umgehen, geschweige denn leben kann. Dieser Glaube, der gerade in Verlusterfahrungen seine eigentliche Tiefe der Geborgenheit öffnen möchte, ist für mich ein großer Trost. Gut, ich mache Gott jetzt nicht für die Verluste verantwortlich und hadere nicht mit der Frage, wie Er das alles zulassen kann. Der Tod gehört zum Leben, er ist real, nicht umkehrbar und betrifft einfach jeden Menschen! Beim Betrachten des Leben Jesu sehe ich – auch gerade in der Fasten- bzw. Passionszeit vor Ostern – den eigentlichen Lebensanker. Der irdische Weg Jesu der durch alle Höhen und Tiefen menschlichen Lebens geht, endet mit dem Foltertot am Kreuz. Brutaler und demütigender geht es nicht. Der Ausruf am Kreuz: Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen, drückt das noch einmal mehr aus. Im Glaubensbekenntnis der Kirche beten wir: gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes! Das ist Lebensrealität und kaum auszuhalten, selbst Jesus, der Christus, der Sohn Gottes geht da durch. Für nicht glaubende Menschen ist hier ja auch alles vorbei. Das Leben ist einfach zu Ende, hört auf. Übrig bleibt Asche, wenn überhaupt.
Und hier kommt das dicke ABER für uns Christen. Wir glauben daran, dass mit dem irdischen Tod nicht alles zu Ende ist, dass es eine Dimension gibt, die über uns hinausweist und die lebendig ist, weiter-lebt, anders-lebt. Die Texte der Evangelien geben die entscheidenden Hinweise, nämlich, dass Jesus lebt, dass er nach drei Tagen auferstanden ist, den Tod überwunden hat und für die Freunde Jesu damals erfahrbar war. Wie genau, lässt sich nicht sagen und ist auch nicht so wichtig. So beten wir es im Credo: Am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten. Ich glaube an den Heiligen Geist, der Herr ist und lebendig macht! Das ist in Worte gefasste über Jahrhunderte gewachsene Glaubenserfahrung.
Für mich liegt darin die Hoffnung auf ewiges Leben, das keinen Schmerz und keine Trennung mehr kennt und Geborgenheit beim Vater verspricht. Das lässt mich leben und Kraft im Alltag finden, wenn der Schmerz des Verlustes momentan auch groß ist. Das glaubensmäßige Geborgenwissen meines Vaters bei unserem aller Gott-Vater ist Hoffnung und tiefer Trost zugleich. Und das sind eigentlich auch gute Aussichten für jeden und jede von uns.
Nichts anderes feiern wir Christen auf der Welt jedes Jahr am höchsten aller Feste, dem Osterfest. Jedes Jahr erinnern und feiern wir Leiden, Tod und Auferstehung und gehen den Weg mit Gott durch das Leben. Was bleibt? So wie Paulus es der Gemeinde in Korinth geschrieben hatte: „Denn jetzt sehen wir alles in einem Spiegel mit rätselhafter Gestalt, dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt ist mein Erkennen Stückwerk, dann aber werde ich ganz erkennen, wie ich auch ganz erkannt worden bin. Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung und Liebe, diese drei. Die größte unter ihnen aber ist die Liebe.“ (1Kor 13, 12f).
Pater Michael Beschorner SJ