KEG Deutschlands
Antisemitismus: Grundlagen, Erscheinungsformen und die Rolle der SchuleText: Gerlinde Kohl und Tina Enders

Die Ansprechperson für Antisemitismus der Hochschule Fulda, Tina Enders nahm am 18.10.2025 am Bundesvorstand der KEG Deutschlands in Fulda teil. Sie bot eine umfassende Übersicht über das Thema Antisemitismus und beleuchtet verschiedene Aspekte, die für das Verständnis und die Bekämpfung dieses Phänomens zentral sind.
Theoretische Grundlagen
Antisemitismus, so die Referentin, wird als Konstruktion, Projektion auch innerer Konflikt und sowie Welterklärungsmuster verstanden. Er konstruiert, was „jüdisch“ ist, entsteht durch Zuschreibungen, und vereinfacht gesellschaftliche Zusammenhänge. Diese Sichtweise unterstreicht, dass antisemitische Vorstellungen und Einstellungen tief in gesellschaftlichen Strukturen verankert sind, sich nicht auf tatsächliche Begegnung und Anwesenheit von Jüdinnen und Juden stützen als auch auflösen lassen.
Begriff und historische Entwicklung
Der Begriff „Antisemitismus“ sei erstmals im Jahr 1879 öffentlich verwendet worden. Er beschreibe eine veränderte Wahrnehmung von Jüdinnen und Juden, die zunehmend rassistisch und nicht mehr vorrangig religiös bestimmt würde. Historisch würde zwischen verschiedenen Formen unterschieden, darunter der christliche Antijudaismus, der moderne Antisemitismus, der nationalsozialistische Vernichtungsantisemitismus sowie der Antisemitismus nach der Shoah. Jede dieser Ausprägungen weise spezifische Merkmale und historische Hintergründe auf.
Aktuelle Erscheinungsformen
In der Gegenwart sei Antisemitismus unter anderem als israelbezogener Antisemitismus sichtbar, der sich oftmals hinter sog. Israelkritik verbergen würde. Hinzu komme die Verwendung von Chiffren und Codes, die antisemitische Stereotype transportieren und somit das Phänomen teilweise verschleiern.
Datenlage und Forschung
Es gäbe verschiedene Studien, Polizeistatistiken und Beratungsstellen, die sich mit Antisemitismus auseinandersetzen. Es gäbe politische und wissenschaftliche Initiativen, die darauf abzielen, Antisemitismus zu erfassen und wirksam zu bekämpfen.
Umgang mit Antisemitismus
Ein zentrales Thema sei der Umgang mit antisemitischen Vorfällen. Herausforderungen bestehen insbesondere darin, solche Vorfälle zu erkennen und ihnen nicht auszuweichen oder sie zu verleugnen. Das BBA-Modell (Betroffene – Beteiligte – Auslösende) wurde von der Referentin als Ansatz vorgestellt[1]. Es ist ein Modell, um angemessen auf antisemitische Ereignisse zu reagieren und die verschiedenen Ebenen eines Vorfalls zu berücksichtigen.
Antisemitismuskritische Bildung
Für die Prävention und Bekämpfung von Antisemitismus sei eine antisemitismuskritische Bildung unerlässlich. Wichtige Ansätze seien die Förderung von Ambiguitätstoleranz sowie historische und politische Bildung. Ein besonderer Fokus sollte auf der Sichtbarmachung jüdischer Perspektivenvielfaltliegen. Herausforderungen wie eine mangelnde Motivation und der fehlende Kontakt zu Jüdinnen und Juden wurden ebenfalls thematisiert.
Ansprechstellen und Materialien
Zur Unterstützung bei der Meldung und Bearbeitung antisemitischer Vorfälle wurden verschiedene Organisationen (RIAS, OFEK) und Ressourcen (z.B. Bildungsstätte Anne Frank, Bildung im Widerspruch und viele mehr) angesprochen. Diese böten zudem Materialien für die Bildungsarbeit und können somit zur Sensibilisierung und Aufklärung beitragen.
Die Rolle der Schulen in der Prävention und Bekämpfung von Antisemitismus
Schulen nähmen eine zentrale Rolle in der Aufklärung über Antisemitismus ein. Sie seien Orte der Bildung und Sozialisation und könnten durch gezielte Maßnahmen wesentlich zur Prävention und Bekämpfung von Antisemitismus beitragen.
Antisemitismuskritische Bildung an Schulen
Schulen sollten die historische und politische Bildung stärken, im Rahmen genereller Wissensvermittlung, aber auch spezifisch zum Thema Antisemitismus. Zudem könnten sie dabei helfen, die Komplexität von Identitäten (z.B. anhand von eigenen Familiengeschichten) zu verdeutlichen und stereotype Denkmuster aufzubrechen. Die Behandlung psychologischer Mechanismen und gesellschaftlicher Kontexte und Diskurse, z.B. im Rahmen von Verschwörungserzählungen, die Antisemitismus begünstigen können, sei dabei von großer Bedeutung.
Förderung von Toleranz und Empathie
Ein weiterer wichtiger Beitrag von Schulen bestehe in der Berücksichtigung von Emotionen beim Thema. Die Förderung von Ambiguitätstoleranz kann zu einemkonstruktiven Umgang mit Unsicherheiten und Ängsten beitragen. Durch die aktive Unterstützung von Begegnungen mit Jüdinnen und Juden und der Vermittlung von Perspektivenvielfalt könnten Vorurteile abgebaut werden.
Herausforderungen im schulischen Kontext
Schulen stünden vor der Aufgabe, die Dringlichkeit verschiedener Diskriminierungsformen – wie Rassismus und Antisemitismus – gegeneinander abzuwägen. Schwierigkeiten ergäben sich zudem durch Rollenzuschreibungen und den häufig fehlenden Kontakt zu Jüdinnen und Juden, was die Bildungsarbeit erschweren kann.
Empfehlungen und Materialien für die schulische Praxis
Die Referentin verwies auf die gemeinsame Empfehlung u.a. des Zentralrats der Juden in Deutschland und der Kultusministerkonferenz (KMK[2]) zum Umgang mit Antisemitismus in der Schule. Diese Empfehlung gäbe Orientierung für den Umgang mit Antisemitismus in der Schule.
Insgesamt seien Schulen als Schlüsselakteure in der Gesellschaft gefragt, um durch Bildung, Begegnung und Sensibilisierung langfristig Antisemitismus entgegenzuwirken.