ULI - Unser Lernen inspiriert
Ein Konzept zur Einführung von Selbstorganisiertem Lernen an der Bischof-Ulrich-Realschule Augsburg
Text: Peter Kosak, Dr. Denise Weckend
Fotos: Freepik
Kinder lernen nachahmend
Unsere Gesellschaft, die Lebenswelt und die Anforderungen an junge Menschen befinden sich im stetigen Wandel. Digitale Technologien, Migration, Flucht und kulturelle Vielfalt prägen Alltag und Kommunikation. Routinewissen verliert an Bedeutung, während Problemlösung, Kreativität, Teamarbeit und Selbstorganisation immer wichtiger werden. Schule von heute muss Lernende auf eine komplexe, digitale und globale Zukunft vorbereiten.
Dies stellt auch Lehrkräfte vor Herausforderungen, die auf die Heterogenität der Schülerschaft eingehen und alle bestmöglich fördern sollen. Aus diesem Grund muss Schule neugedacht und alternative Wege der Wissensvermittlung bestritten werden.
Einen möglichen Ansatz stellt ULI (Unser Lernen Inspiriert), das Konzept der Bischof- Ulrich-Realschule in Augsburg zum selbstorganisierten Lernen (SOL), dar. Selbstorganisiertes Lernen bezeichnet dabei Lernprozesse, bei denen Lernende ihr Lernen eigenständig planen, durchführen und reflektieren. Sie übernehmen Verantwortung für die Auswahl von Lernzielen, -strategien und die Bewertung ihres Lernfortschritts, wobei metakognitive, motivationale und verhaltensbezogene Strategien eine zentrale Rolle spielen (Boekaerts, 1999; Pintrich, 2000; Schmitz & Wiese, 2006). Im Mittelpunkt steht die Förderung der Selbstständigkeit und Eigenverantwortung. Neben der Wissensvermittlung wird insbesondere die Entwicklung überfachlicher Kompetenzen wie Problemlösungsfähigkeit, Zeitmanagement, Selbstmotivation und Zielorientierung gefördert (Kyburz-Graber et al., 2009).
Im Folgenden werden das Konzept, die Raumstruktur und die Graduierung beschrieben und mit wissenschaftlichen Erkenntnissen untermauert, bevor auf die veränderte Lehrerrolle und die erforderlichen Softskills eingegangen wird.
1. ULI - Das Konzept
Die Lernenden arbeiten in allen Fächern außer Sport und Kunst selbstständig in sogenannten ULI-Zeiten. Die Lehrplaninhalte sind pro Schuljahr in jeweils sechs Fachmodule unterteilt, die jeweils durch einen Leistungsnachweis abgeschlossen werden. Zu welchem Zeitpunkt die Lernenden die Leistungsnachweise ablegen, bestimmen sie individuell selbst. Die vorgesehenen Lehrerwochenstunden entsprechen den Anforderungen einer staatlichen Realschule.
Verpflichtend gibt es zwei Lerntage bis 16 Uhr. Neben klassischen Fächern fördern Projekte und AGs soziale Kompetenz, Eigenmotivation und Verantwortungsbewusstsein (Beck et al., 1991; Karlen & Hertel, 2024), z. B. im „1-Euro-Projekt“ oder bei „Ein Tag für Augsburg“.
Ein besonderer Fokus liegt auf musischer Bildung: In der verpflichtenden Musical-AG kann jede und jeder Einzelne seine kreativen, emotionalen und sozialen Fähigkeiten einbringen (Musik, Gesang, Tanz, Bühnenbild, Technik).
2. Raumstruktur und Graduierung
Um Motivation zu steigern und konstruktivistische Ansätze zu fördern, wird das Schulgebäude der Bischof-Ulrich-Realschule Augsburg räumlich neu strukturiert. Die offene Lernumgebung soll das selbstorganisierte Lernen unterstützen (Kyburz-Graber et al., 2009). An der Bischof-Ulrich-Realschule Augsburg wurden drei Raumqualitäten eingerichtet: der Study mit individuellen Arbeitsplätzen für stilles, konzentriertes Arbeiten, der Hub für gemeinsames Arbeiten in Gruppen und Präsentationen sowie die Input-Räume, in denen Fachlehrkräfte kurze Anleitungen zu fachlichen und methodischen Inhalten geben, was zu Beginn des selbstorganisierten Lernens unabdingbar ist (Karlen & Hertel, 2024).
Im Study kann jedes Kind seinen Arbeitsplatz selbst gestalten und in ruhiger Atmosphäre eigenständig arbeiten, was ein erster entscheidender Schritt auf dem Weg zur Selbstständigkeit und Eigenverantwortung im Lernprozess ist (Kyburz-Graber et al., 2009), während die Lehrkräfte zentral integriert als Anlaufstelle sichtbar sind, um benötigte Unterstützung geben zu können (Shao et al., 2023). Der Hub ist flexibel möbliert, fördert kooperatives Arbeiten und überfachliche Kompetenzen (Konrad, 2024) und bietet auch Raum für vertrauliche Coaching-Gespräche.
Damit selbstorganisiertes Lernen gelingt, müssen Schülerinnen und Schüler lernen, sich Ziele zu setzen, Interessen zu entwickeln und den Lernprozess eigenverantwortlich zu organisieren (Sehr, 2007). Da nicht zwingend alle Lernenden diese Kompetenzen zu Beginn der fünften Jahrgangsstufe besitzen, wurde ein dreistufiges Graduierungssystem (Bronze, Silber, Gold) eingeführt, das schrittweise mehr Freiräume ermöglicht.
Das System zeigt den Freiheitsgrad im Lernprozess und den Bewegungsradius innerhalb der Raumqualitäten. Lernende, die gewisse kommunikative, metakognitive und soziale Kompetenzen sowie Motivation zeigen (Beck et al., 1991), können auf Antrag in die nächste Stufe aufsteigen, wodurch ihre Eigenverantwortung und Gestaltungsmöglichkeiten zunehmen. Aufenthaltsorte während der Lernzeiten lassen sich jederzeit nachvollziehen.
3. Die Rolle der Lehrkraft – Lerncoaching und -begleitung
Schule verstärkt oft die Abhängigkeit der Lernenden, statt ihre Unabhängigkeit zu fördern (Gordon, 2001). Um selbstgesteuertes Lernen zu etablieren, ist ein verändertes Rollenverständnis der Lehrkraft erforderlich. Anstelle der traditionellen Funktion als Wissensvermittler tritt die Rolle als Lernbegleiter, Berater und Gestalter von Lernprozessen. Offene Lernsituationen erfordern aktive, reflektierte Lehrkräfte, die Lernende herausfordern, zum Denken anregen und Vertrauen entgegenbringen (Lipowsky, 2002). Ein bloßer Rückzug der Lehrkraft führt häufig, insbesondere bei jüngeren oder leistungsschwächeren Lernenden, nicht zu besseren Ergebnissen (Schunk & DiBenedetto, 2020).
Die zentrale Aufgabe der Lehrkraft besteht darin, den Lernstand zu diagnostizieren, individuelle Lernangebote zu gestalten, Lernprozesse zu begleiten und bei motivationalen oder persönlichen Schwierigkeiten unterstützend einzugreifen. Gerade zu Beginn ist dabei eine angemessene Form der Führung notwendig (Apel, 2006).
Auf Grundlage dieser Prinzipien wurden verschiedene Maßnahmen definiert: Zu Beginn des Schuljahres erfolgt eine Lernstandserhebung zur Identifikation des aktuellen Wissensstands. Während der ULI-Phasen erhalten Lernende kurze Inputs der Fachlehrkräfte zu Lerninhalten und Methoden sowie individuelle Unterstützung bei fachlichen Fragen.
Regelmäßige Bilanzgespräche, an denen einmal pro Halbjahr auch die Eltern teilnehmen, sind ein Schritt zu gezielter Förderung und bieten wertvolle Rückmeldungen zur Entwicklung der Schülerinnen und Schüler.
Die Schlüsselrolle spielt die kontinuierliche persönliche Lernbegleitung: Jeder Lernende wird über zwei Jahre von einem Lerncoach betreut, der den Lernprozess begleitet und regelmäßig überprüft. Materialien werden über die digitale Plattform Scobees, auf der die Lernenden, ihre Eltern und Lerncoaches die Fortschritte mithilfe eines transparenten Ampelsystems nachverfolgen können, bereitgestellt. Zur Materialerstellung, Differenzierung und zum Feedback kommt dabei auch KI zum Einsatz. Diese soll einerseits die Lehrkräfte entlasten und andererseits das selbstorganisierte Lernen verbessern (Prasse et al., 2024).
Wöchentliche Check-Ins, verpflichtende Einzel-Lerncoachings und Check-Outs der Coachee-Gruppen fördern die Fähigkeit zu Zielsetzung, Planung und Reflexion der Lernenden (Karlen & Hertel, 2024).
Die Lehrkräfte wurden extern zu Lernbegleitern weitergebildet, um metakognitive Kompetenzen (z. B. Wissen über Lernstrategien, Reflexionsfähigkeit), didaktische Kompetenzen (Wie gestaltet man Aufgaben so, dass SOL möglich ist?), diagnostische Kompetenzen (Wo brauchen die Lernende Unterstützung?), Feedbackkompetenzen (Wie gibt man hilfreiches Feedback, das Lernende zur Selbstregulation anregt?), motivationale Kompetenzen (z.B. Erinnerung an Ziele, Umgang mit Rückschlägen) sowie das Wissen um die Gestaltung von Lernumgebungen und Rahmenbedingungen (Materialien, digitale und analoge Tools) zu entwickeln (z.B. Karlen & Hertel, 2024; Arvatz et al. 2025).
4. Fazit
In unserer schnelllebigen Gesellschaft muss sich auch Schule an wandelnde Anforderungen anpassen. Die Förderung selbstorganisierten Lernens vermittelt jungen Menschen zentrale Kompetenzen: Studien belegen, dass Lernende mit ausgeprägten Selbstregulationsstrategien bessere schulische Leistungen erzielen und gleichzeitig höhere Motivation und besseres Wohlbefinden zeigen (Zimmerman, 2002; Dignath, Buettner & Langfeldt, 2008).
Damit Lernende diese Strategien entwickeln können, müssen Lehrkräfte gezielt unterstützen und strukturierte Hilfen anbieten. Lehrkräfte müssen ihre Rolle vom reinen Wissensvermittler zum Unterstützer verändern, metakognitive Praktiken leben, ihre eigene Lern- und Lehrpraxis reflektieren und offen für Fehler und Entwicklungen sein (Ortube et al., 2024).
Dann profitieren Lehrkräfte in mehrfacher Hinsicht vom selbstorganisierten Lernen ihrer Schülerinnen und Schüler. Zum einen werden sie entlastet, da Lernende viele Aufgaben eigenständig strukturieren und bearbeiten (Hattie, 2009), wodurch mehr Zeit für individuelle Förderung und Unterrichtsplanung entsteht. Zum anderen ermöglicht es bessere diagnostische Einblicke: Lehrkräfte erhalten Informationen über Lernstrategien, Motivation und Fortschritte der Schülerinnen und Schüler, die für gezieltes Feedback und personalisierte Förderung genutzt werden können (Schunk & DiBenedetto, 2020). Darüber hinaus fördert die Begleitung selbstorganisierten Lernens die professionellen Kompetenzen der Lehrkraft, da sie metakognitive, didaktische und diagnostische Fähigkeiten weiterentwickeln und Lernprozesse reflektiert steuern muss (Prasse et al., 2024) und erleichtert die Unterrichtsgestaltung, da die Lehrkräfte erkennen, welche Methoden und Strategien die Lernenden tatsächlich anwenden (Zimmerman, 2002). Somit erscheint die Einführung eines Konzepts zum selbstorganisierten Lernen wie ULI ein guter Weg zu sein, um mit den neuen Anforderungen des Lernens umgehen zu können.
ZUR PERSON
Peter Kosak ist seit 2016 Direktor des Schulwerk der Diözese Augsburg.
Dr. Denise Weckend ist seit 2015 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl Schulpädagogik der Universität Augsburg und Realschullehrerin.
Quellen:
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Beck E., Guldimann, T., Zutavern, M. (1991). Eigenständig lernende Schülerinnen und Schüler. Zeitschrift für Pädagogik, 37. Jg., Nr. 5 S. 735 – 768.
Boekaerts, M. (1999). Self-regulated learning: Where we are today. International Journal of Educational Research, 31, 445–457.
Dignath, C., Buettner, G., & Langfeldt, H.-P. (2008). How can primary school students learn self-regulated learning strategies most effectively? A meta-analysis on self-regulation training programs. Educational Research Review, 3(2), 101–129.
Gordon, T. (2001). Lehrer – Schüler – Konferenz. München: Heye Verlag.
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