GLAUBE & RELIGION
Wer? Wann und warum?Welche Fragen stellen sich den Jugendlichen von heute? Wer hat passende Antworten? Ein Plädoyer für ein scheinbar aus der Zeit gefallenes Fach
„Bei Religion wird nicht gekürzt.“ – Das markige Zitat des Bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU) vom Januar 2024 sorgte für weitreichende Diskussionen. Vorausgegeistert war das rotstiftschwingende Schreckgespenst möglicher Kürzungen im Stundenplan bayerischer Grundschulen. Bibelgeschichten, Kirchenjahr und Zehn Gebote – brauchen wir das wirklich noch?
Warum wir den Religionsunterricht dringender brauchen, als wir denken
In einer Zeit, in der Instagram und TikTok zur neuen Kanzel geworden sind und Algorithmen zu moralischen Instanzen aufsteigen, wirkt „Religionsunterricht“ beinahe anachronistisch. Brauchen wir dieses alte Schulfach wirklich noch? Die spontane Antwort vieler mag lauten: nein. Schließlich leben wir in einer säkularen, pluralistischen Gesellschaft. Punkt. Warum also Religion im Klassenzimmer – statt Ethik, Technik oder Medienkompetenz?
Genau hier beginnt das Missverständnis.
Religionsunterricht ist kein Katechismus-Unterricht. Oder besser: Er sollte es längst nicht mehr sein. Im besten Fall ist er eine Schule der Deutung – ein Raum, in dem wir lernen, über Sinn, Verantwortung, Schuld, Hoffnung und, ja, auch über den Tod zu sprechen. Kurz: über all das, worüber sonst niemand sprechen möchte, obwohl es alle betrifft.
Prof. Dr. habil. Georg Wagensommer (Evangelische Hochschule Freiburg) beantwortet die Frage, ob wir den Fragen von Jugendlichen möglicherweise eher mit einer Religionskunde statt Religionsunterricht gerecht würden mit einem klaren Nein: „Ich bin der Meinung, dass Religionsunterricht von Menschen erteilt werden muss, die sich positionieren, die ein Bekenntnis haben. Damit es nicht rein theoretisch um gesellschaftliche oder religiöse Werte geht, sondern immer auch um die Fragen: „Was ist mir wichtig?“, „Was glaube ich? … Da sind Sie persönlich gefragt und nicht Ihr Wissen.“ (https://www.eh-freiburg.de/artikel/wie-relevant-ist-religionsunterricht-heute/)
Laut einer Umfrage sind 60 Prozent der Befragten der Meinung, allgemeine Normen und Werte sollten im Religionsunterricht im Zentrum stehen.

Wir erziehen Kinder heute zu rationalen Konsumenten, effizienten Arbeitnehmern und kritischen Mediennutzern. Aber wir versäumen, sie zu sinnreflektierten Menschen mit innerer Orientierung zu erziehen – zu Menschen, die nicht nur wissen, wie etwas funktioniert, sondern auch warum sie etwas tun. Ohne diese Dimension bleibt Bildung flach – perfekt angepasst, aber ohne Tiefenschärfe.
Religionsunterricht ist also nicht nötig trotz unserer pluralistischen Gesellschaft – er ist nötig, weil wir eine pluralistische Gesellschaft sind. Er bietet einen Raum, in dem Differenz nicht als Bedrohung, sondern als Erkenntnisquelle gilt. Ein Ort, an dem Christentum, Judentum, Islam, Atheismus und Zweifel nicht gegeneinander argumentieren, sondern gemeinsam lernen, was Glauben und gegenseitiger Respekt überhaupt bedeuten.
Wirkung des Religionsunterrichts
Studien zeigen, dass Religionsunterricht für viele Schülerinnen und Schüler einen positiven Einfluss auf ihr Leben hat. Er wird als Raum für Meinungsfreiheit, Kritik und soziale Diskussionen wahrgenommen. Auch nichtreligiöse Schülerinnen und Schüler profitieren – etwa durch ethische Orientierung, Urteilsbildung und Reflexion. Besonders in der Grundschule berichten noch zwei Drittel, viel Neues zu lernen; in höheren Klassen sinkt dieser Anteil. Als besonders relevant empfinden Jugendliche Themen wie Gerechtigkeit und Freundschaft, während dogmatische Themen wie Gott und Jesus zunehmend in den Hintergrund treten.
Angesichts des Rückgangs religiöser Sozialisation im Elternhaus gewinnt der Religionsunterricht an Bedeutung. Für viele Kinder und Jugendliche wird er zum einzigen Ort der bewussten Auseinandersetzung mit Religion und Ethik. Er bietet eine Chance, eigene Einstellungen zu entwickeln und sich mit Wertefragen auseinanderzusetzen – unabhängig vom persönlichen Glaubensbekenntnis.
Ganzheitliche Persönlichkeitsentwicklung im Marchtaler Plan.
Der aus der katholischen Schultradition stammende Marchtaler Plan – ursprünglich im Bistum Rottenburg-Stuttgart entwickelt – verbindet religiöse Bildung mit ganzheitlicher Persönlichkeitsentwicklung. Er versteht den Religionsunterricht nicht als isoliertes Fach, sondern als grundlegendes Bildungsprinzip, das sich in allen Lernbereichen widerspiegelt.
Zentral sind dabei vier Elemente: der Morgenkreis als spirituelle Einstimmung und Ort gemeinsamer Reflexion, die Freie Stillarbeit zur Förderung von Selbstständigkeit, der Vernetzte Unterricht, der Themen aus Religion, Ethik und Alltag miteinander verbindet, sowie die Feiern im Jahreskreis, die religiöse und kulturelle Erfahrungen erlebbar machen.
Gerade in einer pluralen Gesellschaft bietet der Marchtaler Plan ein überzeugendes Modell, weil er Religiosität nicht als dogmatisches Wissen, sondern als lebendige Orientierung versteht. Kinder und Jugendliche lernen, sich selbst, andere und die Welt in Beziehung zu setzen – mit Offenheit, Achtsamkeit und Verantwortungsbewusstsein. Das entspricht genau der Zielsetzung eines modernen Religionsunterrichts: nicht Belehrung, sondern Bildung des ganzen Menschen.
Der Marchtaler Plan zeigt, dass religiöse Bildung dann besonders wirksam ist, wenn sie den Menschen in seiner Ganzheit anspricht – kognitiv, emotional, sozial und spirituell. Damit kann er auch für öffentliche Schulen Impulse bieten, wie Wertebildung, Sinnfragen und interkulturelles Lernen sinnvoll miteinander verbunden werden können.
Mehr als ein Relikt
Wer Religion aus der Schule verbannt, schafft keine Neutralität, sondern eine Leerstelle. Diese Leerstelle wird schnell von anderen gefüllt: Influencern, Ideologen, Verschwörungsromantikern – Menschen, die sehr wohl bereit sind, Antworten auf Sinnfragen zu geben, nur leider selten die richtigen.
Vielleicht ist Religionsunterricht also nicht das Relikt einer längst vergangenen Zeit, sondern der letzte Ort, an dem wir noch lernen, nicht alles glauben zu müssen – aber über das Glauben nachdenken zu dürfen.
Quellen und weitere Literatur:
https://www.domradio.de/artikel/religion-staerkt-laut-studie-bildung-und-einsatz-fuer-demokratie
https://www.dbk.de/presse/aktuelles/meldung/empirische-studien-zum-religionsunterricht
https://www.eh-freiburg.de/artikel/wie-relevant-ist-religionsunterricht-heute/
https://handlungsfelder.bayern-evangelisch.de/religionsunterricht-ausbildung.php
https://www.deutschlandfunk.de/religionsunterricht-auf-dem-prueftstand-100.html
https://www.pedocs.de/volltexte/2024/30758/pdf/Schweitzer_et_al_2024_Was_ist_guter_BRU.pdf
https://epub.ub.uni-muenchen.de/105846/1/10.1515_9783839457801-002.pdf
https://www.theo-web.de/fileadmin/user_upload/TW_pdfs1_2020/7_Schweitzer_END.pdf
https://www.theo-web.de/zeitschrift/ausgabe-2004-01/schwendemann_religioeser_lernort.pdf
http://adas-berlin.de/wp-content/uploads/2021/11/Studie-Religion-Diskriminierung_ADAS.pdf